Gedankenfrüchte
Gedankenfrüchte

Ohne dich

Eins... zwei...

Er bleibt stehen, stützt sich auf seinen Gehstock...

Diese verdammten Stufen! Aber er MUSS zu Hilde.

Jeden Montag, jeden Donnerstag. Das schafft er grade noch. Zwei wichtige Termine in seinem Terminkalender, der nur in seinem Kopf existiert.

Er hat nur diese beiden Termine. Und die vergisst er nie.

 

Drei...

Puh! Erst mal tief Luft holen. „Hilde, bist du da?“

Er dreht sich nach links... nach rechts... Sucht. Was, wenn sie heute nicht kommt? Heute sind doch keine anderen Leute da. Die verschrecken sie manchmal.

„Hilde?“, ruft er verzweifelt. Sein Herz pocht bis in die Schläfen und mit seinem Stofftaschentuch, das Hilde ihm geschenkt hat, wischt er sich den Schweiß von der Stirn.

Wie sollte er die Treppe nur ohne sie schaffen?

 

Vier...pfff....

Fünf...

Da steht sie! Hilde. Ein Stein fällt ihm vom Herz. Sie winkt ihn herauf, wartet an der obersten Stufe. Vor Erleichterung wird er ganz rot im Gesicht.

„Jaja, meine Liebe. Ein alter Mann ist doch kein D-Zug.“

Ihr Lächeln lässt für ihn die Sonne aufgehen. Wie schön sie ist! Die Sonnenstrahlen schenken ihrem weißen Haar einen rötlichen Schimmer.

 

Sechs...

Seine zittrigen Hände umgreifen fest das schwungvoll verzierte Eisengeländer. Hilde steht jetzt neben ihm. Sie legt einen Arm um ihn und schiebt ihn sanft nach vorne.

„Hilde, du duftest heute wieder so gut. Nach Rosen... und ein bisschen nach... Tanne.“ Seine Stimme wird brüchig und er zieht den Duft tief in seine Lunge.

 

Sieben...

Au, das Knie schmerzt.

„Acht...“

schnauft er.

„Gut gemacht,“ lobt Hilde. An ihrem Tonfall kann er hören, dass sie heute wieder zu Scherzen aufgelegt ist und das gibt ihm neue Energie.

 

Neun...

zehn..

elf

und zwölf.

Oben angekommen! Er hält inne, verschnauft, richtet sich gerade auf.

„Ohne dich würde ich diese Stufen nie schaffen,“ sagt er.

„Aber nein“ sagt sie kopfschüttelnd. Doch in ihren Augen liest er, dass sie es weiß.

Liebevoll umarmt sie ihn, haucht einen Kuss auf seine faltigen Lippen, hebt ihm ihren Daumen in Siegerposition vor die Nase und drängt sich dann an ihm vorbei.

 

Er schaut ihr nach, sieht wie sie die Stufen, die er so mühselig erklommen hat, leichtfüßig hinunterschwebt und hinter den Birken verschwindet.

„Bleib doch noch ein bisschen!“, ruft er wie immer hinterher.

„Hilde!“ 

Aber Hilde ist noch nie länger geblieben.

Der Kuss und die Umarmung wirken lange nach. Dieses schöne Gefühl ist seine Droge. Das ist es, was ihn immer wieder hierher lockt.

 

Am Steinbecken schöpft er Wasser in eine Gießkanne.

Mit dem Gehstock in der rechten, die Gießkanne in der linken Hand schlürft er unter den Tannenzweigen durch, bleibt lächelnd an ihrem Grab stehen und gießt liebevoll die duftenden Rosen.

 

 

 

 

 

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© Beate Treutner