Gedankenfrüchte
Gedankenfrüchte

Mein Papillon

 

 

 

Mein Text zur Lesung des Autorenkreises 2016

 

Der Himmel wirkte grauer als die Anstaltskleidung der Häftlinge. Trotz des Regens drehten sie ihre Abendrunden im Innenhof. Das Dreckwasser, das die platschenden Regentropfen aus den Pfützen an ihre Hosen spritzte, störte niemand.

Keiner würde freiwillig auf den Abendrundgang verzichten.

„Sag mal, was war denn gestern los? War das der Fritz, der so geschrien hat? Das kam doch aus eurer Zelle! Haben sie den weggebracht? “

Andy hielt Kalle eine Zigarette entgegen.

„ Nimm! Bedien dich!“ Hier gab es nichts umsonst, und schon gar keine Informationen.

Kalle riss Andy die Schachtel aus der Hand, zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Die Schachtel steckte er in seine Hosentasche. Gemächlich formte er Rauchkringel mit seinen Lippen und blies sie zum Himmel. Andy verfolgte jede Bewegung von Kalle, wagte aber nicht, ihn bei seinem Spiel zu unterbrechen. Er trippelte nervös und aus seinem Mund stiegen feine Atemwölkchen.

Kalles Blick glitt an der Backsteinwand entlang.

3. Stock.

Westflügel.

Mit einer nickenden Kopfbewegung blieb er an einem vergitterten Fenster hängen, das sich durch den Farbton des Lichts, das darin brannte, von den anderen abhob.

Andys Augen wurden größer.

„Aber... das ist ja...das ist doch...“

„Die Psychiatrische. Ganz genau.“

„Oh Mann, warum um alles in der Welt ist der so ausgerastet?“

Kalle nahm einen letzten, tiefen Zug und schnipste den Stummel auf den nassen Boden. Er genoss es, Andy zappeln zu lassen.

„Der Typ hat halt ne Meise. Wenigstens muss ich mir sein Geheule nicht mehr anhören. Jeden verdammten Abend saß er am Tisch und schrieb dutzende Seiten, als ob er einen auf Karl May machen wollte. Sagte nie was, flennte nur rum. Mann, hat der mich genervt.“

„Was schrieb er denn?“

„Was weiß denn ich? Interessiert mich auch nicht. Für mich ist er einfach nur ein Arsch.“

„Mir tut er leid. Ich finde, den Fritz haben sie zu Unrecht eingesperrt. Was würdest du denn machen, wenn einer deine Freundin umgebracht hätte? Bei dir wäre der Typ sicher nie mehr aufgewacht.“

Kalle lachte und Andy sah seine schwarzen Zähne.

„Tja, das kannst du wohl glauben. Der Fritz hätte den einfach mit einem Messer...“

Kalle machte mit seiner Hand, auf deren Knöchel „Hass“ eintätowiert war, die Kopf-ab-Geste.

„Der ist halt nicht so. Eigentlich würde er keiner Fliege was zu leide tun.“

“Ja, eigentlich. Aber gestern hätte er auch nicht so ausflippen müssen. Der hat doch ne Meise. Und alles nur wegen so einem Scheißvieh.“

„Was denn für ein Vieh?“

„Na so ein Scheißflattermann.“

„ Hä? Meinst du einen Schmetterling? Los, erzähl doch!“

„Was krieg ich dafür?“

Andy platzte fast vor Neugier. Was könnte er ihm anbieten? Er musste unbedingt wissen, was da passiert war.

Kalles eisblauen Augen ließen einen Schauer über Andys Nacken fließen. An seinen Armen stellten sich feine Härchen auf und eine Gänsehaut überzog seinen rechten Arm. Sein Mund fühlte sich trocken an und kein Wort kam über seine Lippen.

„Wenn dir nichts einfällt: Ich wüsste da was. Pass auf! Ich geb dir morgen ein Päckchen, das steckst du dem Fahrer zu, wenn du in der Wäscherei arbeitest.“
Andy stammelte. „Das... das kann ich nicht...nicht mach..“

Da drehte sich Kalle um und lief weg.

„Warte, nun warte doch! Ich mach’s ja! Aber ich will auch die Papierseite haben, die Fritz geschrieben hat.“

 Kalle fing an zu lachen.

„Da klebt noch der zerquetschte Flattermann drauf. Klar, wenn du die willst, kannst du sie haben, ich hätte mir sonst nur den Arsch damit abgewischt.“ Andy hasste Kalle.

„Warum klebt da ein zerquetschter Schmetterling drauf?“

„Weil mich seine verheulte Visage genervt hat. Er saß da, am Schreiben. Da flatterte das Vieh rein und setzte sich auf sein Papier. Da fing der Typ zu heulen an. Den hats richtig geschüttelt. Da hab ich ausgeholt und das Vieh platt gemacht.“

Andy hielt die Luft an.

„Und dann ist er ausgeflippt. Das war´s. Den haben sie zu recht in die Klapse gesteckt.“

Andy kaute auf seiner Lippe und ein metallischer Geschmack verbreitete sich auf seiner Zunge.

„Also, morgen bring ich dir das Päckchen. Abmachung ist Abmachung. Du willst doch nicht genauso wie das Flattervieh...“

„Nein, nein Kalle, du kannst dich auf mich verlassen. Und du vergiss die geschriebene Seite nicht!“

 

 

Andy fühlte, wie der Schweiß an seinem Hals herunter lief. Es war es nicht nur die Hitze in der Wäscherei, sondern die Angst, erwischt zu werden.

Das kleine Päckchen hatte er in seiner Hose.

„Hey Andy, warum ist deine Hose heute so ausgebeult. Hast du von einer schönen Frau geträumt?“

Andy erschrak. Hoffentlich wurde kein Aufseher aufmerksam. Er musste mitspielen.

„Halts Maul Paule, gestern kam Angelina Jolie im Fernseher. Von der hab ich geträumt.“

Alle lachten.

„Deshalb musst du doch nicht rot werden, Kleiner. Und schwitzen musst du heute! Müssen ja heiße Träume gewesen sein.“

Unter schallendem Gelächter schnappte er sich einen Wäschewagen, den er zum LKW schieben musste. Hinter der nächsten Ecke kam der Fahrer auf ihn zu.

„Hast du was für mich?“ zischte er Andy ins Ohr.

Andy nickte, fummelte mit zittrigen Fingern das Päckchen aus seiner Hose und drückte es dem Typ in die Hand.

Nur die gefaltete Papierseite ließ er in seiner Boxershort stecken.

Puh, keiner hatte etwas gesehen.

Den ganzen Morgen arbeitete er wie verrückt. Langsam beruhigten sich seine zitternden Finger, sein Atem ging wieder halbwegs normal. Obwohl ihm eine Kante des gefalteten Papiers die Haut an seinem Oberschenkel wund rieb, wagte er kein einziges Mal, dort hinzufassen und es zurechtzurücken.

„Na, da hat sich dein kleiner Freund wohl wieder beruhigt,“ sagte einer und schon kam das Zittern zurück.

 

Als er nach acht Stunden Arbeit endlich in seine Zelle zurückdurfte, war er völlig erschöpft. Erst nach dem Essen traute er sich, die Seiten, die Fritz geschrieben hatte, aus der Tasche zu ziehen.  Sorgsam glättete er das Blatt. Es war ein Brief mit wenigen Zeilen. Als er zu lesen begann, fühlte er sich, als ob er etwas Verbotenes täte.

 

„Meine lieber Schatz,

meine Welt ist nur noch grau. Die Gefängniswände vor meinen Augen und in mir drin meine trauernde Seele. Nicht einmal dein Grab konnte ich bis jetzt besuchen. Aber du bist immer in meinem Herz. Jeden Tag schreibe ich dir Briefe und hoffe, dass du in Gedanken bei mir bist. Vielleicht ist es dir möglich, mir ein kleines Zeichen zu geben. Der einzige Lichtblick in meiner grauen Welt ist der, wenn ich von dir träume. Ich stelle mir manchmal vor, du wärst jetzt ein gelber Zitronenfalter der durch die Welt flattert, ein kleiner Papillon, frei wie der Wind...

Hier endete der Brief. Auf dem Wort Papillon klebten die Reste des plattgemachten Schmetterlings.

Andys Hände zitterten. Er lief zum Gitterfenster und schaute zum Westflügel. 3. Stock..

„Oh Fritz, verdammt, Fritz!“, schrie er in den Hinterhof. „Ich wäre auch durchgedreht. Ganz sicher! Aber halte durch! Vergiss das Zeichen nicht. Sie ist da. Immer. Um dich herum!“

Dann faltete er den Brief zusammen und steckte ihn in die Zellenbibel. Hier war er gut aufgehoben. Eines Tages würde er ihn Fritz wieder zurückgeben. Wer so ein Zeichen von oben bekommt, der wird alles überstehen. Da war sich Andy sicher.

 

 

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© Beate Treutner